
Die ersten vier Monate sind wie im Flug vergangen, und nun geht unser großes Baby bereits halbtags zu einer sehr lieben Tagesmutti, die nie genug bekommt von seinen runden Pausbäckchen, und die es nach Strich und Faden verwöhnt. Tavan ist Kurdin und hat eine achtjährige "Assistentin", mit der Halinchen sehr vielsagende Konversationen führt: Wie zwei alte Freundinnen beim Teetrinken halten die beiden Händchen und gehen Linas Repertoire an Babywörtern durch, von "kra-ra" über "guwäh" bis zum geseufzten "ouh" ist alles dabei. Neulich hatte Sonia Halinchen auf eine Kissenrolle gebettet und spielte ihr auf ihrem Kinder-Xylophon vor. Wie rührend! Besser könnte ich das Kleine auch nicht unterhalten, wenn mir spätestens am Spätnachmittag die Spielideen ausgehen und noch fünf Stunden bis zur Nachtruhe verbleiben...

Vor Tavan herrschte zu Hause dauerhafter Ausnahmezustand: Versuche mal einer einhändig zu kochen, abzuwaschen oder zu putzen! Eine meiner ersten Amtshandlungen in der neuen Wohnung war es die Küche gründlich mit Brause zu besudeln, nachdem ich einhändig eine Flasche unter Druck geöffnet hatte. Der süße Strahl beschrieb einen hohen Bogen über zwei Wände und erinnert mich noch heute an unser erstes schwieriges Zusammensein. Während das Baby schrie, knabberte unsere Katze Cleo, auf Urlaub in Berlin, die Zimmerpflanzen an, und Peter, ebenfalls zu Besuch in Deutschland, verteilte den Inhalt seiner Jackentaschen, Popcorn und halbleere Kaffeetassen über drei Zimmer. Einmal blieben Papa und Töchterchen für ein paar Stunden allein zu Hause. Als ich zurück kam, war es verdächtig still in unserem Stockwerk: Papa lag völlig erschöpft im Bett quer, ein halbleeres Milchfläschchen und ein schlafendes Baby daneben.

Seitdem sind zwei Monate vergangen, Peter geht in Katar seiner Arbeit nach und hat Cleo mitgenommen. Zu zweit gehen Mama und Halina am Wochenende zum Babyschwimmen, wo wir das einzige Mutter-Tochter Gespann zwischen lauter ehrgeizigen Papas mit Kind bilden. Wahrscheinlich fällt das Warmwasserplanschen unter "Sport", und somit in die Kategorie "Männersache". Die Mütter am Beckenrand schauen gerührt bis ängstlich zu. Halina lässt alles gelassen über sich ergehen und grinst breit, wenn sie auf dem Rücken abhängen darf, ohne sich groß bewegen zu müssen. Bei ihrer letzten Untersuchung hat der Kinderarzt Übergewicht attestiert und Sport verordnet. Er verschreibt ein orthopädisches Kissen, damit sich der Dickkopf nicht plattliegt, und ich mache mich auf die Suche nach hungerstillendem Babytee, melde uns für Mutter-Kind-Kurse an und suche vergeblich nach längsgestreiften Stramplern.

Draußen hat der November grau und kalt begonnen, drinnen im Krankenhaus Westend sind die Räume der "Elternschule" auf Sommertemperatur gewärmt. Beim PEKiP (Prager Eltern-Kind Programm) sollen die Kleinen sich nackt und frei bewegen können. Wir sind die einzigen, die keine saugfähige Unterlage dabei haben, deshalb bleibt die Windel vorerst dran. Stolze Mütter berichten von den Fortschritten ihrer Schützlinge. Wir üben das Umdrehen von Rücken auf Bauch, von Bauch auf Rücken, betüteln die Kleinen mit Seidentüchern und hoffen auf frühes Sozialverhalten, wenn wir die Babys nebeneinander aufreihen. Halina interessiert das alles mäßig, beim Drehen lässt sie sich lieber auf Bauch und Rücken fallen, als dass sie irgendwelche Anstrengungen unternimmt sich in unbequeme Positionen zu bringen. Zum Abschied singen wir das "Liedchen von der Huschebahn", die alle Babys nach Hause bringt - ein bisschen wie Gruppentherapie.

Ende des vierten Monats scheint Baby einen Entwicklungsschub durchzumachen. Auf einmal brabbelt Linchen dazwischen, wenn ich am Telefon spreche. Sie achtet genau auf jedes Wort und greift ganz gezielt nach Spielzeugen, die sie dann genau untersucht. Wenn Papa im Computer Fratzen schneidet, lacht sie sich kaputt. Bekommt sie einen Schreck, dann holt sie ein herzzerreißendes Schluchzen tief aus dem Bauch. Dabei formt der Mund zuerst ein Schippchen wie aus dem Bilderbuch, fängt dann lautlos an zu schreien (wahrscheinlich in einer Tonlage, die nur Hunde hören), bis das Ganze in ein untröstliches Kreischen übergeht. Das einzige Mittel in dieser Situation: auf den Arm nehmen und fest drücken. Das funktioniert immer und so gut, dass ich das Gefühl nicht loswerde, Mama wird trainiert: Man lege das Kind irgendwo ab und das Kreischen in höchster Tonlage ist wieder da, man nehme es hoch, alles ist wieder gut... so geht das eine Weile, bis einer von beiden müde wird.

In öffentlichen Einrichtungen hat so ein Mechanismus gewisse Vorteile, wenn man sie richtig einzusetzen weiß: Auf den Ämtern darf sich Mutti mit Kinderwagen vorne anstellen, wer mich nicht vorlassen will, erntet böse Blicke, alle haben Angst, dass das schlummernde Kind jeden Augenblick aufwachen könnte. Im Supermarkt wird für den brüllenden Kinderwagen eine neue Kasse aufgemacht, damit man den Krawalli möglichst schnell loswird, und auf der Post wird mein unzulänglich verpacktes Päckchen ohne Probleme abgestempelt, nur weil Linchen mal eben zart anfragt, ob ihr vielleicht jemand aus dem Wagen hilft...