Seit ein paar Wochen kommt also neben Regine vom Verein "Wellcome" auch noch eine Freiwillige vom Verein "Känguru" zu Besuch. Azadeh ist Iranerin und seit einigen Jahren auf Asyl in Deutschland, wo sie bisher noch immer auf die Erlaubnis wartet in ihrem Beruf als Krankenschwester arbeiten zu dürfen. Ihr Mann ist Bauingenieur und auch seine Abschlüsse und Erfahrungen werden hier nicht anerkannt. Jetzt betreut sie zwei Familien mit Kleinkindern und hilft einmal in der Woche in einem Hospiz aus, alles unentgeltlich. Man merkt wie sehr sie sich bemüht in Deutschland anzukommen und aus dem Haus zu gehen, ganz anders als rund die Hälfte meiner Nachbarn in dem Genossenschaftsblock, wo wir wohnen. Ich schätze ein Drittel unserer Nachbarn ist arbeitslos oder lebt sonstwie vom Staat: Fr. Dobener ist Rentnerin, deren Schlafzimmer an Halinas Zimmer grenzt und der ich insgeheim dankbar bin, dass sie sich nie über Lärm beschwert. Die Kettenraucherin muss immer meine Amazon-Pakete entgegennehmen, weil wir nie zu Hause sind, sie dagegen immer. Die Pakete bekomme ich dann nikotinverseucht. Bisher habe ich Fr. Dobener nur im Bademantel gesehen. Rund um die Wohnanlage haben sich Einkaufswagen angesammelt, die niemand zurück zu Netto oder Lidl schieben möchte. Auf dem Klettergerüst im Buddelkasten sitzen Jugendliche, von denen ich nicht wissen möchte, was sie da rauchen. Man merkt, das gutsituierte bürgerliche Charlottenburg fängt erst zwei Blöcke weiter an. Für Azadeh ist die Babyhilfe gleichzeitig Deutschunterricht, und ihre Kinder sprechen besseres Deutsch als die Clique in unserem Sandkasten.
Angeblich ist Deutschland ja ein sehr kinderfeindliches Land, wenn man mal davon absieht, was der Staat alles auf die Beine stellt um Frauen doch noch zum Kinderkriegen zu animieren: Mutterschutz, Elterngeld, Kindergeld, Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz, Betreuungsgeld... Trotz allem ist man mit Kinderwagen und der kleinen Zeitbombe darin sowas wie ein Behinderter im Rollstuhl: kaputte oder fehlende Fahrstühle werden zur Katastrophe, enge Geschäfte sind ein Graus und einen Restaurantbesuch sollte man gründlich vorbereiten. Ich erinnere mich an die Restaurants in Katar, wo bis zu 14köpfige Familien ohne Umstände platziert wurden und so ein Lokal im Null Komma Nix in einen Sportplatz verwandeln durften. Da hat man als armseliger Alleinstehender nichts zu melden! Wäre hier natürlich nicht denkbar, aber wenigsten bin ich noch nie auf offene Ablehnung gestoßen. Im Gegenteil: wir bekommen in der U-Bahn immer einen Sitzplatz, uns werden Türen aufgehalten und Taschen hinterhergetragen - ich dachte, sowas gibt's gar nicht mehr. Und ich glaube beim Anblick von Mutter mit Kind im Tragegurt werden lärmende Männergruppen verlegen und wütende Straßenfeger-Verkäufer sanft. Ganz weich wurde neulich ein Riese von einem Mann, der meinte, wenn er noch einmal so klein wäre, würde er nicht wieder zum Bau gehen. Noch ist alles offen, Halinchen, noch so viel Zeit ein glücklicher Erwachsener zu werden!
No comments:
Post a Comment